Platform Engineering: Warum Self-Service-Plattformen DevOps ablösen
DevOps war ein Paradigmenwechsel. Doch nach einem Jahrzehnt der „You build it, you run it”-Philosophie zeigt sich: Viele Teams sind überfordert, nicht untermotiviert. Platform Engineering ist die Antwort auf die Frage, wie man Entwicklern Autonomie gibt, ohne sie mit Infrastruktur-Komplexität zu erschlagen.
Das Problem mit „Full-Stack DevOps”
In der Theorie klingt es großartig: Entwickler deployen eigenständig, überwachen ihre Services, reagieren auf Incidents. In der Praxis bedeutet es oft:
- Jedes Team baut seine eigene CI/CD-Pipeline
- Terraform-Module werden kopiert statt geteilt
- Monitoring ist ein Flickenteppich aus Prometheus, Datadog und CloudWatch
- Onboarding neuer Entwickler dauert Wochen statt Tage
Das Ergebnis: Kognitive Überlastung, hohe Varianz zwischen Teams, und wiederkehrende Fehler, die längst gelöst sein sollten.
Was Platform Engineering anders macht
Im Kern geht es um eine Internal Developer Platform (IDP): Eine kuratierte Schicht zwischen Entwicklern und Infrastruktur, die Standardwege bietet und Guardrails setzt.
Die goldene Regel
Entwickler sollten sich um ihre Probleme kümmern (Businesslogik, Features, APIs) — nicht um unsere Probleme (Networking, Zertifikate, Cluster-Config).
Typische IDP-Komponenten
| Komponente | Tool-Beispiele | Mehrwert |
|---|---|---|
| Service Catalog | Backstage, Port | „Was läuft wo?” auf einen Blick |
| Self-Service Deployments | ArgoCD, Flux | Git Push → Production |
| Template Engine | Cookiecutter, Yeoman | Neue Services in Minuten starten |
| Observability Stack | Grafana Cloud, Honeycomb | Einheitliche Dashboards für alle |
| Secrets Management | Vault, External Secrets | Keine Secrets in Code oder Env-Vars |
Ein realistischer Einstieg (ohne 6-Monats-Projekt)
Woche 1–2: Inventory und Pain Points
Fragt eure Entwickler: Was kostet euch am meisten Zeit, das nicht euer Code ist?
Typische Antworten:
- „Kubernetes Manifeste schreiben”
- „DNS-Einträge beantragen”
- „SSL-Zertifikate konfigurieren”
- „Einen neuen Service aufsetzen”
Woche 3–4: Die ersten „Golden Paths”
Ein Golden Path ist ein vorgegebener, optimierter Weg für häufige Aufgaben. Beispiel:
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# golden-path/new-service-template.yaml
apiVersion: scaffolder.backstage.io/v1beta3
kind: Template
metadata:
name: new-microservice
title: Neuen Microservice erstellen
spec:
parameters:
- title: Service-Details
properties:
name:
type: string
description: Name des neuen Service
team:
type: string
description: Zuständiges Team
language:
type: string
enum: [go, python, typescript]
steps:
- id: create-repo
action: publish:github
- id: deploy-infra
action: deploy:kubernetes
- id: setup-monitoring
action: create:grafana-dashboard
Monat 2–3: Self-Service wachsen lassen
Nach den ersten Golden Paths: Feedback sammeln, iterieren, neue Paths für weitere Use Cases erstellen. Nicht versuchen, alles auf einmal zu bauen.
Kennzahlen, die zählen
Messt den Erfolg nicht an der Anzahl der Plattform-Features, sondern an:
- Time to First Deploy (wie schnell ist ein neuer Service live?)
- Onboarding Time (wie schnell ist ein neuer Entwickler produktiv?)
- Cognitive Load Score (subjektive Bewertung der Teams)
- Change Failure Rate (sinkt sie mit standardisierten Deployments?)
Was ich im Markt beobachte
- Backstage (Spotify) hat sich als De-facto-Standard für Service Catalogs etabliert
- Humanitec und Kratix adressieren die Orchestrierung hinter der IDP
- Cloud-Provider bieten eigene Platform-as-a-Service-Lösungen an (Azure Deployment Environments, GCP Workstations)
- Score als offener Standard für Workload-Spezifikation gewinnt an Traktion
Mein Take
Platform Engineering ist kein neues Label für DevOps — es ist die Erkenntnis, dass nicht jeder Entwickler ein Infrastruktur-Experte sein muss (oder will). Die besten Plattformen fühlen sich an wie ein Produkt, nicht wie ein Ticket-System. Fangt klein an, messt den Impact, und baut aus, was funktioniert.
